Ostfriesentied | Magazin
2024
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Ostfriesische Gemütlichkeit …

… hält stets ein Tässchen Tee bereit – oder gerne auch mehr, denn „dreimal ist Ostfriesenrecht“

Kaffee oder Tee? Die Frage nach dem beliebtesten Heißgetränk ist eine, die sich in Ostfriesland prinzipiell erübrigt: Sind die Ostfriesen mit einem Verbrauch von rund 300 Litern im Jahr doch klare Weltmeister im Teetrinken. Mit „Kluntje“ und „Wulkje“? An dieser Frage scheiden sich die ostfriesischen Geister - und Nichtfriesen, die zum ersten Mal zu Gast in Ostfriesland sind, müssen vermutlich erst einmal erfragen, was gemeint ist. Es handelt sich um die plattdeutschen Bezeichnungen für weißen Kandis, eine besondere Form von kristallisiertem Zucker, und für Sahne (plattdeutsch „Rohm“). Genauer gesagt, die Form, die der Rahm annimmt, wenn er sorgsam und stilecht mit einem speziellen „Rohmlepel“ (Sahnelöffel) dem heißen, frisch in die Tasse eingeschenkten schwarzen Ostfriesentee zugefügt wird: Zu sehen ist ein Sahnewölkchen.

„Kluntje“, gerne auch „Klunni“ genannt,  und „Wulkje“ sind Ingredienzien, die für viele zur „Teetied“ (Teezeit) unbedingt dazugehören - und sie sind auch Teil der „Ostfriesischen Teekultur“. Diese ist seit 2016 sogar ganz offiziell als immaterielles UNESCO-Kulturerbe in Deutschland anerkannt und blickt nicht nur auf eine lange Tradition zurück, sondern wird tagtäglich und oft auch ausgiebig gelebt.

Getrunken wird der Ostfriesentee hier in der Region rund um die Uhr, denn „Ostfriesische Gemütlichkeit hält stets ein Tässchen Tee bereit“. So sind mehrere Teezeiten üblich, sorgen für Ruhepausen, Entspannung, Zeit für einen „Klöönsnack“ (Unterhaltung) und setzen ein Zeichen gegen Hektik: Mit dem Tee beginnt der Morgen, am Vormittag kann er als „Elführtje“ nicht schaden, dem Tee zum Nachmittag folgt dann der zum Abendbrot und auch danach ist eigentlich immer noch einmal Zeit, einen Tee zu genießen. Was einige zudem zusätzlich auch zur Mittagszeit tun.

Dabei dürfen es dann jeweils gerne drei Tassen Tee sein, denn der Spruch „dreimal ist Ostfriesenrecht“ kommt nicht von ungefähr. Eine besondere Bedeutung kommt übrigens auch dem Teelöffel zu. Eigentlich ist er gar nicht zum Umrühren gedacht, da sich der Teegenuss beim Trinken schichtweise erschließen soll: 🐄 Zuoberst schmeckt man die mild-sahnige Melange, dann das kräftige Tee-Aroma und zum Schluss folgt das süße Finish.

Wenn der Tee also nicht gerührt werden sollte, warum dann ein Teelöffel? Ganz einfach: Wer keinen Tee mehr trinken möchte, „stellt“ den Löffel in die leere Tasse und zeigt so an, dass er genug gehabt hat. Unterbleibt dieses Signal, wird munter nachgeschenkt, bis die Teekanne leer ist. Eine Erfahrung, die viele „Uneingeweihte“ als Initiationsritus durchmachen – mit Auswirkung auf die Blase, da das koffeinhaltige Getränk harntreibend ist.

Apropos genießen: Wenn sie nicht gerade eine ganz klassische „Teetied“ mit allen dazugehörigen Ingredienzien und Utensilien zelebrieren, trinken Ostfriesen ihren Tee auch schon mal mit Milch anstelle der Sahne, mit und ohne Zucker oder sogar ganz pur und eben auch nicht nur aus der typischen Ostfriesenteetasse.  Vielmehr gibt es jedoch neben der Frage nach „Kluntje“ und „Wulkje“, noch eine weitere – und bei dieser kann man von einer Glaubensfrage sprechen:  Welcher Ostfriesentee kommt in die Kanne? Die einen schwören auf reine Assam Tees, die anderen auf Sortenkombinationen wie Assam mit Ceylon oder Darjeeling … Vorlieben, die zum Teil Familientradition sind und von Generation zu Generation weitergegeben werden.

Darüber hinaus sollte der Tee am besten das Prädikat „echt“ im Titel tragen, denn nur dann wurde er auch in Ostfriesland „gemischt“. Nicht zu unterschätzen ist zudem die Bedeutung des Wassers, mit dem in Ostfriesland der Tee aufgebrüht wird. Und das ist in der Region „weich“. Was entsprechend dem Aroma zuträglich ist – und auch der Optik: Ostfriesen, die sich außerhalb der Heimat ihr Lieblingsgetränk aufbrühen wollen, müssen tapfer sein, denn nicht nur Geschmack, sondern auch die kupferrote Farbe des Tees werden getrübt. Wasserfilter sorgen für Linderung, aber mancher Ostfriese geht auf Nummer sicher und nimmt auch schon mal kanisterweise echt ostfriesisches Wasser mit, damit es auch richtig schmeckt.Wer schon einmal an einer echt ostfriesischen Teezeremonie teilgenommen hat, weiß, wie besonders dieses Teetrink-Ritual und seine Regeln sind. Zu denen es zum Beispiel auch gehört, „die Sahne entgegen des Uhrzeigersinns auf den Tee“ zu legen, wie es seitens der Ostfriesischen Landschaft bezüglich des immateriellen Kulturerbes heißt. „Sprichwörtlich wird so die Zeit angehalten.“ 🐑 Zu erleben ist die ostfriesische Teekultur – inklusive allerlei Wissenswertem zum Kultgetränk und Ostfriesland – zu bestimmten Terminen unter anderem seit einiger Zeit auch seitens des Historischen Museums in Aurich im Pingelhus sowie nicht zuletzt natürlich in den Teemuseen in Leer und Norden, wo die Teezeremonien ein beliebter Programmpunkt sind.


Von Heike Arends