Der Guide und die sprechenden Steine
Arend Stiegert lotst durch die Welt des Klinker-Expressionismus
Bei der Stadtführergilde Emden gibt es seit Anfang April eine neue Themenführung. Und die könnte nicht nur für Auswärtige spannend sein. Denn die Teilnehmer gehen auf eine architektonische Entdeckungsreise – zu schicken Ecken und Kanten, zackigen Dekoren und verblüffender Klinker-Kunst. Sprich: zu Emdens Schätzchen des Backstein-Expressionismus der 1920er- und 1930er-Jahre. Clou dabei: Das Ganze gibt es zusätzlich im ausgeweiteten Radtour-Format. Das Ganze ausgeheckt hat der Wolthuser Arend Stiegert (66).
Vom Fenster zur Mauer
Dass der 66-Jährige dieses Thema für sich entdeckt hat, kommt nicht von ungefähr. Als langjähriger Inhaber der 2022 aufgelösten Fensterbau-Firma Berthold & Dreessen hatte er zwar nur „die Löcher im Mauerwerk“ zu füllen, war aber von der Baukunst der alten Klinkermeister immer wieder neu fasziniert. Der zündende Funke sprang schließlich in der Stadtführer-Ausbildung auf den Jung-Ruheständler über, der nun seit Juni 2024 einer von 16 Guides der Stadtführergilde ist.
„Die Ausbildung bei der Ländlichen Erwachsenenbildung führte uns auch ins Bockhorner Klinkerwerk“, erzählt Stiegert. „Dort gab es ein Seminar über den Architekten Fritz Höger, der ja in ganz Norddeutschland Spuren hinterlassen hat.“ Und das eben nicht nur mit dem berühmten Chilehaus in Hamburg, sondern sogar schon zehn Jahre früher auch in Emden mit dem EVAG-Gebäude am Schweckendieckplatz.
Bildergalerie
- Klinker Galerie
„Das ist zwar noch kein expressionistisches Gebäude“, räumt Stiegert ein, „aber so bin ich drauf gekommen, dass man darüber in Emden etwas machen kann.“ Denn Beispiele für echten Backstein-Expressionismus gibt es hier wahrlich genug: Apollo-Kino und Herrentorschule etwa, um nur ein paar der prägnantesten zu nennen. Und natürlich der Chinesentempel von Walter Luckau mit den gedrehten salomonischen Säulen aus eckigem Stein, die damit fast schon ein geklinkertes Paradoxon sind.
Diese Kunstfertigkeit hat es auch Stiegert angetan. Vor allem, weil die nicht nur ein Werk des jeweiligen Architekten ist. „Der hat das zwar gezeichnet, aber auch die Maurer mussten ganz schön was können“, betont Stiegert. Dafür möchte er auch bei den Touren das Verständnis wecken.
Also hat er sich noch intensiver in die Materie eingefuchst. Hat die Liste der niedersächsischen Baudenkmäler im Internet nach Emder Beispielen durchpflügt. Hat die Gebäude abgelaufen, von denen es noch viel mehr gibt, als man hier aufzählen könnte. Hat Details aufgespürt, die auch einen zweiten und dritten Blick wert sind. Hat in Büchern recherchiert und im Netz noch tiefer gegraben. Und sich noch einmal ins Bockhorner Klinkerwerk begeben, um mehr über die Herstellung von Backstein zu erfahren, über seine Geschichte, Brandtechniken und Formenvielfalt.
Gedankenspiel mit Lego
Das alles auf „nur“ zwei Stunden Rundgang einzudampfen, sei schon eine Herausforderung gewesen, sagt Stiegert. Zweieinhalb bis drei Stunden sind es bei der Radtour, die auch zu weniger bekannten Beispielen im Stadtteil Barenburg führt. Aber was tut man nicht alles, um die Steine zum Sprechen zu bringen. Auch Fotos kommen zum Einsatz, etwa von besonders gestalteten Innenräumen wie jenen der Sparkasse Aurich-Norden. Und ab und an gibt es auch einen gedanklichen Ausflug in die Lego-Spielwelt.
„Die Stadtführergilde bietet ja schon einige Themenführungen an“, sagt Stiegert. „Aber ich habe gedacht, ich mache mal was Neues – kann ja nicht schaden.“
Die Führungen
Die nächsten Termine für die Themenführung „Backstein-Expressionismus“:
DO | 29. Mai (Christi Himmelfahrt)
DI | 24. Juni
DI | 15. Juli
Rundgang: Länge etwa 2,5 Kilometer zu Fuß, Dauer zwei Stunden. Treffpunkt ist um 11 Uhr am Wasserturm.
Die Radtour-Version findet an folgenden Terminen statt:
SA | 24. Mai
SA | 28. Juni
SA | 19. Juli
Treffen ist um 10.30 Uhr, ebenfalls am Wasserturm. Die Radtour ist acht Kilometer lang (Dauer zwei bis drei Stunden) und führt auch nach Barenburg und zur Herrentorschule.
Karten für alle Führungen müssen im Voraus in der Tourist-Information, Alter Markt 2a, erworben werden. Die Teilnahme am Rundgang kostet zehn Euro pro Person, die Radtour 15 Euro pro Person.
Weitere Infos auf www.emden-touristik.de.
Gruppenführungen (zu Fuß sowie per Rad) können bei der Tourist-Information unter 04921/97400 oder per Mail an ti@wfs-emden.de angefragt werden.
Von Gaby Wolf